• Spuren kultureller Transformationen
    Ein Versuch über das Festhalten und Loslassen in den Arbeiten von Luís Sorolla Casanova

    vis-invisible diagrams ist eine Werkreihe des in Wien lebenden und aus Peru kommenden Künstlers Luís Casanova Sorolla, die er seit seinem Diplom an der Akademie der bildenden Künste Wien im Jahr 2012 in immer neuen Settings, zunächst unter dem Titel Signapura, variiert und experimentiert. Die Grundlage der choreografischen Diagramme bildet ein Selbstexperiment, das auf kleinstem Raum in seiner damaligen Wohnung in Wien stattfand: Auf einem auf den Boden befestigten Stück Papier und mit Pigment, das zuvor in einer speziellen Technik auf die Papierbögen aufgetragen wurde, führte er Bewegungen der als Tanz getarnten und aus verschiedenen Körpersprachen kreolisierten brasilianischen Kampfkunst Capoeira aus. Überall dort, wo der Körper den Boden berührt, verewigen sich die Pigmente auf dem Papier und verweisen als Spuren auf die zuvor stattgefundene Performance. Die daraus resultierende spontane und improvisierte Choreographie dokumentierte der Künstler filmisch von der Decke aus. Nicht nur eine Abbildung von Schrittfolgen entstand, sondern ein zeitlich zusammengezogener Raum, in dem kollektiv und individuell erlebte Zeiten, körpersprachliche Ausdrücke, kulturelle Kodierungen und damit ihre geographischen Räume und Zwischenräume gleichermaßen ihre Spuren auf dem Papier hinterließen. 

    Wenn man so will, eine Annotation hybrider, komplex zusammengesetzter, durch den Körper transportierter Ausdrücke, die sich dem Betrachter eines Tanzes in einem kurzen Augenblick nur offenbaren und so schnell verschwinden, wie sie gekommen sind. So setzt sich Signapura auch mit den in den Bewegungen eingeschriebenen Kulturen auf einer anderen medialen Ebene auseinander, um zu untersuchen, ob sich daraus neue Interpretationen ergeben oder neue Möglichkeiten der Sichtbarmachung körpersprachlicher Ausdrücke. Gleichzeitig thematisiert der Künstler auch die Temporalität von Performance und Tanz und damit ihre Vergänglichkeit. Casanova Sorolla schafft durch die Auswahl eines zeitlich begrenzten Querschnitts—über die Länge des Tanzes— einen kondensierten Raum, in dem sich auf kleinster Fläche—den Papierbögen—all diese Welten gleichermaßen simultan abbilden. 

    Neben dem Sichtbaren und Offensichtlichen ergibt sich durch die Arbeiten von Sorolla Casanova ein vielschichtiges Prisma an dem Bewegungen und in Bewegungen eingeschriebene Diskurse brechen und sich zu In-Frage-Stellungen und erklärten Unsicherheiten bezüglich bestehender Weltordnungen und Sichtweisen transformieren. Spuren und Hinweise darauf—auf die Quellen als auch die Fragen an diese—zeichnen sich wörtlich auf den Papierbögen ab. Versuchen wir einige Aspekte zu lesen, zu entschlüsseln.
     
    In immer neuen Versuchsanordnungen untersucht und dokumentiert Sorolla Casanova bewegte Ausdrücke, darunter vor allem folklorische und/oder klassische bzw. in und über die Hochkultur transportierte Tänze oder Fragmente daraus. Welche unterschiedlichen Funktionen haben diese Tänze und Ausdrücke in ihren Umgebungen, für ihre Gemeinschaften und worin unterscheidet sich eine—wie vom Künstler angebotene— Entschlüsselung über individuelle Interpretationen solch kulturell kodierter Systeme wie sie Tänze darstellen?
     
    Vor diesen Betrachtungen ergibt sich eine ganze Reihe von Fragestellungen bezüglich der Darstellungsweisen aber auch zu (bewussten und unbewussten) Überlieferungsformen von Kulturen, ihren Werten und Diskursen. Je nachdem welche Tänze in den Vordergrund gerückt werden—der Volkstanz oder der Ritus einer zum Verschwinden angehaltenen indigenen Kultur oder die Folklore einer kleinen Landgemeinschaft, der subversive, bewusst hybridisierte Tanzkampf, der seinen Ursprung im Widerstand und Erhalt kultureller Elemente versklavter Menschen hatte oder kulturelle Ausdrücke die ihre Kulturen unter diasporischen Umständen wie Flucht oder Migration pflegen, oder ein Tanz identifiziert mit Hochkultur und darüber hinaus kulturelles Erbe, Identifikation und Repräsentationsmittel einer ganzen Nation. Doch was wenn in letzterem die TänzerInnen aus den unterschiedlichsten Geografien zusammenfinden, ihre Motivationen aus diversesten sozialen und persönlichen Konditionen beziehen und sich all diese Narrative mischen. Was zeichnet sich da ab? 
     
    Es scheinen all diese Fragen und Unsicherheiten, die den Künstler in seiner Arbeit beschäftigen und auf die Antworten warten lassen. So exerzierte er ein und dieselbe Choreografie von Lev Ivanov, Vier kleine Schwäne aus Schwanensee, mit unterschiedlichsten Besetzungen, Formationen, zu verschiedenen Konditionen, vielleicht auch um zu sehen, ob sich Spuren von Antworten auf diese drängenden Fragen, auf den Papierbögen abzeichnen mögen, Gleichmäßigkeiten, Gesetzmäßigkeiten oder Ausschweifungen, Ausbrüche, Widerstand, Inkongruenz und Asymmetrien, alle Ausdruck der Komplexität der abgebildeten Realitäten, ihrer ständigen
    Transformationen, Überlagerungen, Widerspenstigkeiten, Aneignungen und Rückaneignungen und letztlich auch dem (teilweisen) Verschwinden von Kulturen wie etwa vor dem Hintergrund von Globalisierungsprozessen und damit ihrer (Selbst-)Darstellungen, Werte sowie der sozialen Funktion (Gemeinschaftsbildung, Identitätsstiftung, etc.) von Gesten und (kollektiven) kulturellen Ausdrucksweisen wie über Tänze tradiert und transportiert. 
     
    Die Vergänglichkeit und Temporalität spielt unter einem anderen Aspekt auch in weiteren Arbeiten und Versuchsanordnungen eine Rolle. Durch seine eigenen Erfahrungen in den darstellenden Künsten (Kampfkunst und Tanz) als auch die engen Beziehungen zu den TänzerInnen, die sich über die konstanten Zusammenarbeiten über einen langen Zeitraum ergaben, gewann Sorolla Casanova auch Einblick in die Gefühlswelten, persönlichen und übertragenen Motivationen, Anforderungen als auch Schwierigkeiten der TänzerInnen, deren Lernbeziehungen, als auch ihre Projektionen und Ängste, wie bestimmt durch ökonomische Realitäten, die durch Ausfälle und Krankheiten rasch prekär werden können.
     
    In Arbeiten wie P erfeccionómetro (Perfektometer), die im Zuge der Gruppenausstellung Das Medium präsentiert wurde, drückt er über eine Zusammenarbeit mit dem Tänzer Denys Cherevychko das simultan hoffnungsvolle als auch aussichtslose Streben nach Perfektion aus und setzt die Unmöglichkeit des Erreichens mit der Positionierung des Künstlers innerhalb seiner Arbeit (als „unsichtbarer“ Choreograf) in Verbindung und sagt: „Ich habe über diese Arbeit nachgedacht und bin zu dem Schluss gekommen: umso mehr ich daran teilnehmen möchte, merke ich, dass es nicht nötig ist.“ Womit er nicht nur das fragile Gleichgewicht der TänzerInnen offenbart, sondern auch seine eigene Präsenz und Wirksamkeit im Prozess hinterfragt und in Folge auch über metaphysische Fragen meditiert.
     
    Gabrielle Cram